Samstag, 18. April 2009

Gedanke des Tages (5)

" „Integration und Migration“ – an keinem anderen Thema lässt sich der Wandel der Öffentlichkeit in den zurückliegenden Jahre besser illustrieren. Als ein Teil der politischen Klasse Anfang der Neunzigerjahre eine Kampagne gegen Asylsuchende entfachte, boten hunderte Journalisten den Scharfmachern aus den Parlamenten die Stirn. Sie informierten, kritisierten und kommentierten. Und sie warnten: Hier werden Freiheits- und Menschenrechte zur Disposition gestellt. Am Ende stand ein Aufbruch der Zivilgesellschaft – Proteste, Lichterketten und schließlich, unter der rotgrünen Regierung, ab 1998 eine Phase der Selbstkritik und der Besinnung.

Zehn Jahre später ist alles anders. Nun ethnisieren und polarisieren vor allem bürgerlich aufgeklärte Kreise, allen voran Journalisten – in der Qualitätspresse ebenso wie im Boulevard. Ein Berufsstand, der so große Stücke auf seine Aufgeklärtheit, Kritikfähigkeit und seine Wächterrolle hält, entpuppt sich mehr und mehr als eine Ansammlung enthemmter Kleinbürger. Ressentimentgeladen, unfähig und unwillig, den aktuellen Entwicklungsstand der Einwanderungsgesellschaft zu reflektieren.

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Seit Ende 2008 liegt nun die komplette „Sinus-Studie über Migranten-Milieus in Deutschland“ vor. Sie wurde 2006 begonnen und veröffentlichte erste Ergebnisse im Herbst 2007. Die quantitativen und qualitativen Ergebnisse der repräsentativen Studie räumen gründlich mit der medialen Konstruktion auf: Migranten sind keine homogene Gruppe; sie definieren sich nicht vor allem über den ethnischen Hintergrund oder Religion.

[...]

Wahrgenommen oder gar diskutiert werden die Ergebnisse der Studie kaum. Die taz widmete ihnen seit 2007 einen einzigen Artikel. Im gleichen Zeitraum erschienen rund 300 Artikel zu Ehrenmord, Zwangsheirat und Rütli-Schule; Stichworte, die für das Scheitern der Integration stehen. Natürlich bemühen sich eine Reihe dieser Artikel um Differenzierung. Allein durch ihr Referenzsystem bleiben sie allerdings Teil der insgesamt problematischen bis reaktionären Integrationsdebatte. Ähnlich sieht es in den anderen Qualitätszeitungen der Republik aus.

Diese Berichterstattung und nicht die Erkenntnisse der Sinus-Studie prägen folglich das Alltagsbewusstsein. Demgegenüber beschreibt die Sinus-Studie die Individualisierung und Pluralisierung der Lebensformen unter Migranten: 98 Prozent wählen ihren Ehepartner selber; 83 Prozent der befragten Menschen mit Migrationshintergrund leben gern in Deutschland; 82 Prozent sprechen mit ihren engsten Freunden deutsch, und für 74 Prozent sind Bildung und Wissen wichtige Werte. Obwohl die Migranten den Deutschen also immer ähnlicher werden, beharrt die Publizistik darauf, Migranten weiterhin nach ihrer ethnischen Herkunft und nicht nach ihren tatsächlichen Wertvorstellungen und Lebensstilen zu definieren.

Nach einer Ende März veröffentlichten, repräsentativen Studie der Forschungsgruppe Sinus Sociovision halten 40 Prozent der detuschen Bürger Antidiskriminierungspolitik für „überflüssig“. So wird es zwar zu Recht als wichtig empfunden, Frauen den gleichen Lohn zu bezahlen wie Männern oder Ältere und Behinderte nicht zu benachteiligen. Weniger Verständnis haben viele Deutsche für die Gleichbehandlung von Migranten, Homosexuellen oder Andersgläubigen. Maßnahmen auf politischer und insbesondere auf gesetzlicher Ebene werden abgelehnt"

(Eberhard Seidl in der Taz)

Freitag, 10. April 2009

Passion



Ostern ist, mehr noch als Weihnachten, offensichtlich die Zeit der Bibelfilme. Zwar sind mir einige davon natürlich bekannt. Ich finde Yul Brunner ist ein ganz fabelhafter Ramses und eine wesentlich bessere Entschuldigung sich "Die 10 Gebote" noch einmal anzuschauen als Charlton Heston.





Bei anderen Filmen bin ich mir allerdings nicht ganz so sicher, wie ich sei Einordnen soll:



"Pontius Pilatus - Statthalter des Grauens" klingt für mich wie ein Film, den man im double feature zusammen mit "Caligula III - Imperator des Schreckens" oder "Messalina - Kaiserin und Hure" zeigen könnte. Auch "Corpus Dei - Der blutige Weg Gottes" (Alternativtitel: "Das Ende der Götter") passt dann vom Namen her doch eher zu so Filmen wie "Flavia - Leidensweg einer Nonne". Dafür spricht auch, dass eine der Hauptrollen von niemand anderem als Dolph Lundgren gespielt wird.



Die meiner Meinung nach beste Bibelverfilmung kommt allerdings aus einer ganz anderen Ecke: Pier Paolo Pasolinis "Il vangelo secondo Matteo" (dt.: Das erste Evangelium Matthäus). Geschult in italienischem Katholizismus und geprägt vom Neorealismus verfilmt Pasolini seine ganz eigene Idee vom Leben Jesu, angeblich nur mit einer Bibel als Drehbuch. Als Drehort diente ihm dieselbe Region in der Mel Gibson 40 Jahre später seinen unsäglichen "The Passion of the Christ" drehen sollte. Dabei verzichtet Pasolini weitgehend auf jeglichen Kitsch, der die meisten anderen Jesusfilme auszeichnet und zeigt, ähnlich wie Scorsese, einen durchaus menschlichen und zeitweise auch wütenden Jesus. Ironischer Weise zeigt dieses Jahr das Bayrische Fernsehen den Film des schwulen Marxisten.



Montag, 6. April 2009

Gedanke des Tages (4)

"Hamlet kommt auf die Bühne und vertritt die Menschheit, Medea kommt auf die Bühne und hat ein Damenbindenproblem"
(Sophie Roise im Gespräch mit Alexander Kluge)

Sonntag, 29. März 2009

Freedom is just another word for nothing left to lose



Es hat eine Weile gedauert, aber hier mal wieder ein Bericht über meine Zeit in Newcastle.

Dieser Text steht unter dem Motto: Be careful what you wish for.

Bevor ich nach England gegangen bin, habe ich mehrfach die Überzeugung geäußert, dass es interessanter für mich wäre, mit Eingeborenen anstatt mit anderen Erasmus-Studenten zusammen zu wohnen. Inzwischen bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Meine MitbewoherInnen sind alle sehr nette Menschen und ich habe wirklich keine Probleme in meiner WG. Andererseits sind sie auch alle erst so um die 19 und ich muss gestehen, die gemeinsamen Interessen gehen relativ gegen null. Entweder man guckt abends Fernsehen oder geht clubbing, eine andere Abendgestaltung ist offensichtlich nicht vorgesehen. Und bei den Clubs handelt es sich um nicht unbedingt um die Art von Etablissements, die zu meinen bevorzugten Ausgehorten gehören. Würde ich mit anderen ausländischen Studenten zusammen wohnen, würde zumindest die Chance bestehen, dass man vielleicht durch die ähnliche Situation gemeinsam Dinge unternimmt.

Also habe ich mich nach anderen Erasmus Studenten umgeschaut. Allerdings ist Newcastle wohl nicht unbedingt mit ausländischen Studenten gesegnet. Nach dem ich mich per Mail an die Erasmus-Society gewandt hatte, bekam ich die Antwort, das im Moment keinerlei Aktivitäten geplant wären, da alle verantwortlichen Studenten berufstätig wären und daher keine Zeit hätte, irgend etwas zu organisieren. Es gäbe allerdings eine Facebook Gruppe. Nur hat dort das letzte mal im Jahr 2008 jemand einen Vorschlag gepostet. Kontakt zu anderen Erasmus Studenten auf zu nehmen gestalltet sich also etwas schwierig.


Auch in meinen Kursen an der Uni gibt es keine anderen Austauschstudenten. Zwar führe ich interessante Gespräche mit meinen Mitstudenten aber nähere Kontakte ergeben sich hier kaum.

So bin ich also eher auf mich allein gestellt. Das soll nun nicht heißen, dass es mir schlecht gehen würde. Das Studium hier macht wirklich Spaß und es ist immer noch hoch interessant, in einem anderen Land zu leben. Über einen nette Abend in einem Pub mit anderen Studenten würde ich mich im Moment allerdings auch nicht beschweren. So wie die Situation im Moment ist, komme ich allerdings immerhin viel zum lesen und studieren. Ich habe also immerhin die Ruhe und den Abstand zu meinem bisherigen Leben, den ich mir gewünscht habe, wenn vielleicht auch etwas mehr, als mir lieb ist.

Das alles führt dazu, dass ich meine nächsten Ausflüge nach Edinburg, York und/oder Durham alleine plane und wohl auch durchführen werde.

Ein ausführlicher Bericht über meine Kurse an der Northumbria und andere Erlebnisse wird folgen.

Montag, 9. März 2009

Immer wieder für eine Überraschung gut



"I think this is the first time that I heard anybody mentioning Persona and the Texas Chainsaw massacre in the same sentence."
(Die Reaktion einer Professorin auf meine Antwort, was meine Lieblingsfilme seien)

Wie erlangt man die ewige Seligkeit? Indem man Dada sagt.



Wie ich jetzt schon ein paar Mal geschrieben habe, gibt es einige kleine Unterschiede zwischen deutschen und englischen Seminaren. Der Wichtigste ist, dass es keine Seminarordner gibt. Jeder Student muss sich die wichtigen Texte selber in der Bibliothek zusammen suchen (und es gibt hier wie gesagt nur eine große Bibliothek, keine für jedes Institut) und selber kopieren. Dazu kommt noch, dass nicht immer angegeben wird, welche Texte für die jeweilige Sitzung besonders wichtig sind und welche vielleicht nur Ergänzung. Man hat also eine Liste von im Durchschnitt 12 Texten und muss selber entscheiden, welche man ließt. Der Leseaufwand selber ist im Allgemeinen etwas bis etwas viel mehr als bei uns. 40-50 Seiten pro Seminar (ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen statt Seminaren "Module" zu sagen, das klingt so technisch) sind normal, während ich mich noch gut daran erinnere, wie eine Professorin in Deutschland in einem Oberseminar den einzigen Text für die folgende Woche mit den Worten ankündigte "Der Aufsatz ist zwar 40 Seiten lang, ich fände es aber gut, wenn sie ihn trotzdem alle lesen würden".
Auch für die Studenten hier hat eine so ausführliche Literaturliste natürlich große Vorteile: Bei der Vorbereitung auf ein Essay braucht man einfach nur in die Literaturangaben der Seminarsitzungen zu schauen, da dort meistens schon mehr als genug Bücher zu einem Thema angeführt sind.

Das erstaunlichste an der ganzen Sache ist für meine Begriffe allerdings: Es funktioniert. Natürlich nicht immer und in jedem Seminar. Auch England ist nun wahrlich nicht das gelobte Land studentischer Beteiligung. Aber da die Teilnehmerzahl hier wesentlich kleiner ist als in Deutschland fällt es durchaus auch schneller auf, wenn jemand nicht vorbereitet ist.
Vielleicht bin ich auch zu pessimistisch, aber wenn ich mich vorstelle, was in Köln passieren würde, wenn es keine Seminarordner mit vorgegebenen Texten mehr geben würde...

Etwas anderes, was mich hier etwas irritierte, wurde mir inzwischen erklärt: Es gibt entweder überhaupt keine Anwesenheitslisten oder es scheint ziemlich egal, wie oft man da ist, oder eben nicht. In meinem Fantasy-TV Seminar gibt es jede Woche jemanden, den ich dort zum ersten mal sehe (und in dem Kurs sitzen nur 15 Studenten) und der in der folgenden Woche wahrscheinlich auch nicht mehr da ist.
Die Erklärung ist relativ einfach und hat natürlich mit Geld zu tun: Die Förderung der einzelnen Institute ist offensichtlich an die Teilnehmerzahl der Kurse gekoppelt. Diese dienen als Indikator für den Erfolg und die Größe des Instituts. Also hat natürlich kein Professor ein Interesse daran, die Teilnehmerzahl zu verringern und streicht darum niemanden von der Teilnehmerliste, der sich je angemeldet hat.

Mehr aus der brave new world demnächst an dieser Stelle